Wintersonnenwende, Rauhnächte: Unseren Wurzeln auf der Spur

Bild: www.kunstwerkerlanz.ch
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Die Wurzel. Das Wort, vom Althochdeutschen wurzala, heisst das Gewundene. Die Bedeutung der Wurzel ist bei den Pflanzen gut nachvollziehbar. Es ist der Teil, der meist im Boden steckt und über den die Pflanze Wasser und Nährstoffe bekommt. Für uns Menschen ist die Wurzel das, was uns mit unserer Vergangenheit, den Traditionen, dem Leben unserer Vorfahren verbindet.

 

Durch den Willen, heute zu leben, nach vorn zu schauen, hatte ich lange nicht das Bedürfnis, mich mit meinen Vorfahren auseinander zu setzen, wozu auch? Bis mir klar wurde, dass Zeit ein dehnbarer Begriff ist, dass unsere Einteilung in Tage, Monate und Jahre relativ ist – nicht mehr als eine Orientierung. Wenn ich aufmerksam bin, fällt mir auf, dass ich von sehr vielem profitiere, z.B. von alten Wegen, Strassen, das alte Haus, in dem ich wohne, unzählige Erfindungen… die ich sehr schätze. Allesamt wurden sie von Menschen angelegt, entwickelt, gestaltet, die vor mir gelebt haben. Mir bewusst zu sein, dass nicht ich das Leben erfinde, dass ich nicht die Einzige bin, die erlebt, was sie erlebt, sondern dass das schon unzählige Menschen vor mir erlebt, durchgestanden, ausgehalten, gefeiert… haben, das fühlt sich gut an, das stärkt mich und macht mich gleichzeitig bescheiden.

 

Tradition ist nicht das Hüten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme. Thomas Morus

 

Mir geht es nicht darum, alte Traditionen hochleben zu lassen, sondern anzuerkennen, was meine Vorfahren und Ahnen getan und gelebt haben. Vieles davon ist dem, was ich heute lebe, ähnlich und hilft mir zu verstehen, wieso ich gewisse Dinge tue. Zudem scheint mir das Weitergeben der Flamme eine Konsequenz eines achtsamen Lebens.

 

Die Wintersonnenwende ist der kürzeste Tag des Jahres, der 21. Dezember. Endlich werden die Tage wieder länger. Aber was heisst Wintersonnenwende wirklich? Es ist die tiefste, die dunkelste Nacht des Jahres und wird deswegen auch MUTTERNACHT genannt. In dieser Nacht gebiert Mutter Natur tief in der finsteren Erde in der stillsten aller Stunden das Sonnenkind, den Neuanfang, die Wiedergeburt.

 

In unserer Zeit, in der wir alle in warmen Wohnungen hausen, das Einkaufszentrum gleich um die Ecke liegt… für uns hat der Winter seinen lebensbedrohlichen Charakter verloren. Heute kennen wir die Auswirkungen der Dunkelheit in Form von Depressionen, in der Melancholie und Einsamkeit. Unsere Vorfahren hingegen haben gespürt, dass sich zur Zeit der Wintersonnwende etwas verändert. Dass nicht mehr nur die blosse Dunkelheit herrscht, sondern dass neues Leben aufkeimt, auch wenn es noch nicht sichtbar ist. Unter der Erde sammeln sich die Kräfte zu neuem Leben, das dann im Frühjahr durchbricht. Diese ungeheure Energie fängt wieder an zu wachsen. Und das konnten sie spüren und wahrnehmen. Und das wurde gefeiert. Das neue Leben in seiner ganz unschuldigen neugeborenen Form.

 

Die geweihten Nächte verheissen das Wissen um die grosse Umkehr, um den Wiederaufstieg des Lichtes und um die Geburt des neuen Lebens. An JUL oder JOL - wie es in den nordischen Ländern genannt wird - ist die Dunkelheit gebannt, die Nächte werden kürzer und was tot schien und verloren, wird wieder erwachen. Das Julfest ist ein harmonisches Netzwerk ineinandergreifender Sonnen-, Toten- und Fruchtbarkeitsriten und symbolischer Handlungen zur Neuaktivierung menschlicher und natürlicher Kraft.

Der Name JUL oder JOL hat einen ganz alten Bezug zu Odin (Hauptgott der germanisch-nordischen Mythologie). Noch heute hat Odin den Beinamen JOLNIR. Seine wilden Ritte in der Winterzeit und zu den Rauhnächten mit dem wilden Heer heissen JOLAREIDI.
Das erinnert vom Wort her wiederum sehr stark an das alpenländische Jodeln.
 Und gerade in den Alpenländern werden ja zur Winterzeit viele Bräuche überliefert mit dem wilden Heer des Odin, und ursprünglich der Percht (sind im alpenländischen Brauchtum vorkommende Gestalten, die vor allem im Dezember und Januar auftreten) – besonders die Perchtenläufe in der Rauhnachtzeit. JUL läst sich etymologisch als ZAUBER- oder BESCHWÖRUNGSFEST deuten. Und Odin war dann der JUL-ZAUBERER oder JUL-SCHAMANE - der JULERICH. 

 

Es gab schon vor dem Christentum viele Kulturen, die zu dieser Zeit die Wiedergeburt der Sonne und des Lichtes feierten. Mit der Ausbreitung des römischen Reiches wurde die Wintersonnwende zum römischen Staatsfeiertag ausgerufen als Geburtstagsfeier des sol invictus - der unbesiegbaren Sonne. Also auch die Idee einer Geburtstagsfeier zur Wintersonnwende war keineswegs eine Erfindung des Christentums.

 

Papst Hippolytos setze sich für den 25. Dezember als Tag der Christgeburt ein - im Jahre 217. Um 330 schliesslich erklärte Kaiser Konstantin das Christentum zur römischen Staatsreligion und funktionierte den alten Sonnengott um in den neuen Christengott, der als lux mundi - als Licht der Welt - gefeiert wurde.

 

Mythen und Märchen: Der Jahreskreis, der mit Samhain geendet hat, gebiert zur Wintersonnwende den neuen Jahreskreis-König. Das haben viele unserer Vorfahren so erlebt, deswegen tragen auch alle Mythen immer wieder die gleichen Bilder. Diese Bilder, Mythen und Märchen sind heilsam für unsere Seele. Sie drücken etwas aus, das wir wohl spüren können, auch wenn es uns nicht so recht bewusst ist. Unsere Aufmerksamkeit ist ja wesentlich eingeschränkter als bei unseren Ahnen und Vorfahren. Die damaligen Menschen sind sowohl mit der Natur als auch mit dem Kosmos viel verbundener gewesen als wir.

 

Mythen und Märchen hatten für unsere Vorfahren eine grosse Bedeutung. Sie halfen Erlebtes zu verarbeiten – vor allem dann, wenn das Erlebte nicht einzuordnen oder nicht zu verstehen war. Mythen und Märchen haben auch für uns ihre Wirkung nicht verloren. Ich selber sehe mich nicht als grosse Märchenerzählerin, aber grundsätzlich mag ich Geschichten. Vor allem kenne ich ihre Kraft und Wirkung. Gewisse Wahrheiten lassen sich, in einer Geschichte verpackt, besser akzeptieren und annehmen. Kommt hinzu, dass ich selber immer wieder sehr kopflastig und verstandesmässig einordne und analysieren, was ich erlebe, mit was ich weshalb kämpfe. Märchen und Geschichten um unseren Alltag zu spinnen und zu weben, schenkt dem, was mich täglich herausfordert, eine gewisse Leichtigkeit und nimmt ihm deshalb die Schwere und Ernsthaftigkeit. Ich habe mich deshalb gefragt, wie wohl meine Gedanken, die vor sich hin fabulieren und unendlich phantasievoll die Welt beschreiben und analysieren und die mich zeitweise halb verrückt machen, aussehen könnten. Ich sehe sie in Form von kleinen Gespenstlein, die auf meinem Kopf, meinen Schultern rumtanzen und hüpfen und sich sehr flink bewegen, in meinem Hinterkopf steigen und beim rechten Ohr rauskommen…. Ihre Gesichter sind nicht zu erkennen und sie tragen lange graue Gewänder. Ich habe zuerst jedem einen bunten Schal umgelegt – das steht ihnen fantastisch. Und weil es anfangs so viele waren, habe ich drei von ihnen sozusagen als Chef-Gespenster ernannt, jeder von ihnen hat ein Team, aber ich mag mich nicht mit jedem einzelnen beschäftigen. Jetzt habe ich nur noch mit dreien zu tun: Mit Fröilein Gantenbein, Madame de Meuron und mit dem Mosimaa. Jeder dieser Namen steht für mich für einen ganz bestimmten Charakterzug und eine bestimmte Denkart.

Die Auseinandersetzung mit diesen Dreien kann äusserst spassig sein – und selbstverständlich auch sehr ärgerlich. Aber diese Gedanken, die da laufen und sich drehen und verstricken, die haben an Leichtigkeit gewonnen. Wichtig dabei scheint mir, dass ich sie durch Fröilein Gantenbein, den Mosimaa und Madame de Meuron akzeptiere und respektiere. Ich versuche nicht mehr, sie zu verleugnen oder zu bekämpfen. Gedanken werden immer da sein (unser Hirn kann nicht anders, es muss denken) und indem ich das akzeptiere, nehme ich auch meine Rolle an als die, die bestimmt, ob sie diese Gedanken glaubt und ihnen nachhängt oder sie einfach laufen lässt und sie auch nicht immer ganz ernst nimmt.

Das ist eine Form, eine Geschichte zu erzählen und aus einer Begebenheit eine Geschichte zu kreieren. Natürlich kann man das noch viel phantasievoller und breiter tun – für den Anfang bin ich aber ganz glücklich damit.

 

Die Rauhnächte: 24. Dezember bis 5. Januar. Die Rauhnächte waren bei unseren Vorfahren Heilige Nächte. In ihnen wurde möglichst nicht gearbeitet, sondern nur gefeiert, wahrgenommen und in der Familie gelebt. Es gibt 12 Rauhnächte. Diese Rauhnächte gingen immer von Nacht zu Nacht. Also von 24.00 Uhr an Heilig Abend, der Mutternacht bis 24.00 Uhr am 25. Dezember - das war die erste Rauhnacht. Nacht deswegen, weil wir uns nach dem keltischen Jahreskreis in der Jahresnacht befinden. Somit ist der ganze Tag Nacht. Und die letzte Rauhnacht endet um 24.00 Uhr am 5. Januar. Danach ist Heilig-Drei-König, das Fest, das auch Epiphaniea, Erscheinung, genannt wird.

 

Deutungssysteme. Die Alten benutzten jede dieser Rauhnächte für einen Monat des Jahres zum Deuten und Orakeln. Somit steht die erste Rauhnacht für den Januar, die zweite für den Februar und so fort. Sie beobachteten alles: Wetter, wie das Essen geschmeckt hat, ob gestritten wurde oder ob es friedlich zuging. Ob an diesem Tag alles glatt lief oder es Probleme gab. Und wenn ja, welche Probleme usw. Alles, auch das noch so Unwichtige, hatte eine Bedeutung. Und wer es verstand, der konnte den dazugehörigen Monat im Vorhinein deuten.

 

Verwandlungstage. Dann gab es besondere Tage, wie der 28. Dezember. Hatte man die ersten drei Tage nur Streit, das Wetter war grauenvoll usw., dann hatte man am 28. Dezember, dem Tag der Kinder, die Möglichkeit, alles wieder gut zu machen und aufzulösen. Dazu war es wichtig, sich alles nochmals genau vorzustellen und dann in weisses Licht zu tauchen oder in violettes und es verwandeln zu lassen in etwas Positives. Das gleiche konnte man am Ende auch nochmal machen - also am 5. Januar, dem Hohen-Frauen-Tag. Darum wurden diese Rauhnächte vorsichtig und wachsam begangen, da sie das ganze kommende Jahr in sich bargen und jeder selber dafür verantwortlich war, wie er die Weichen stellte.

 

Perchtenumzüge. In der letzen Nacht, dem 5. Januar, wurde das ganze Haus, die Ställe und mancherorts auch rund ums Grundstück herum ausgeräuchert. Es gab auch an vielen Orten in dieser Zeit wieder die schon erwähnten Perchtenumzüge – die die Wilde Jagd darstellen mit Dämonen, Geistern und bestimmten Tieren und der Percht als Wintergöttin. Dahinter stand, dass diese Geister vertrieben werden sollten, damit sie einen nicht befielen mit Krankheiten und Tod.

 

Masken nach Geistern geformt. Die zu bestimmten Jahreszeiten durchziehenden Naturgeister sind weltweit bekannt. Überall werden sie auf ihrem Durchzug zur Kenntnis genommen, mit Festen und Ritualen gewürdigt und dann aber immer jenseits der Dorfgrenze oder auch Grundstücksgrenze hinauskomplimentiert. In traditionellen Gesellschaften trägt man Masken, die exakt den visionär geschauten Geistern entsprechen. Auch das Bärbeletreiben oder die Fastnacht trägt diesen Geist. Die Geister kommen vom Jenseits, von ausserhalb der gesitteten normalen Gesellschaft. Sie kommen aus dem Wald und der Wildnis, aus den Bergen, Seen und Sümpfen, auch analog zu verstehen als Seelenbilder. Seelenbilder, die eine ungezügelte Naturenergie mitbringen.

 

Mir selber sind sie etwas ungeheuer, diese Masken, die Geister und all die Rituale, die viele unserer Vorfahren gepflegt haben. Wenn ich aber davon ausgehe, dass alles, was mir begegnet, mit mir zu tun hat, dann kann ich aus einer etwas anderen Sichtweise an dieses Thema rangehen. Ich selber sehe keine Geister, ich werde nachts nicht besucht von irgendwelchen Wesenheiten. Ich lade sie auch nicht ein, ich wüsste ja nicht, was ich mit ihnen anfangen sollte. Ich kann aber auch mit einigen Teilen an und in mir nicht viel anfangen. Gewisse Ideen und Gedanken oder manchmal auch mein Verhalten, so sehr es meines ist, kann mir sehr fremd vorkommen. Meine Ängste können mich sehr wohl erschrecken. Müsste ich diesen Aspekten von mir ein Gesicht geben, wäre dieses wohl auch nicht gerade in der Norm oder besonders freundlich. Ich gehe davon aus, dass unsere Vorfahren, die mehr auf alle ihre fünf Sinne angewiesen waren, als wir es heute sind, auch ihre Ängste nicht in erster Linie mit Worten, sondern in Bildern, Tänzen und Ritualen ausdrückten. Heute bleiben wir sehr oft beim Wort, beim Analysieren. Wir ordnen ein, was wir sehen und erleben, wir probieren uns zu verstehen, vielleicht anhand unserer Kindheit, unserer Familiengeschichte. Wenn ich unter diesem Aspekt die Rituale unserer Vorfahren betrachte, kommen sie mir näher. Die Zeiten haben uns Menschen verändert. Vieles haben wir gewonnen – vieles verloren oder schlicht vergessen. Das heisst für mich nicht, dass ich anfangen will, solche Rituale durchzuführen, aber es heisst für mich, dass ich meine Ausdrucksweise erweitere. Dass ich lernen will, alle meine fünf Sinne einzusetzen, um mit dem umzugehen, was ich mit mir und anderen erlebe. Das heisst, es geht wieder darum, aus meinem Erleben Geschichten zu kreieren. Oder mich zu fragen, wie eine Angst, die mich quält, riecht, welche Form sie hat, welche Farbe.

 

Die Rauhnächte habe ich über die letzten Tage zum ersten Mal bewusst erlebt. Das heisst, ich habe dieser Zeit, die zwischen den Jahren liegt, mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Ich habe die Stille und Ruhe genossen, habe gestaunt, wie viel sich in dieser Stille in mir drin tut und habe mich dadurch der Natur verbunden gefühlt. Dort geht auch ganz vieles ab, das wir nicht sehen können, aber das neue Leben fängt an zu wachsen. Still und leise. Das, was wächst und wird, kennt seine Zeit – das will ich respektieren und zwar auch für mein Leben, meinen Alltag. Für mich ging's in diesen Tagen auch darum, das anzunehmen, was sich mir zeigt, was mir geschenkt ist, ohne den Anspruch zu haben, zu verstehen, wozu etwas gut ist oder was wohl dahinter stecken mag. Umso mehr war mir wichtig, das Erlebte in meinem Herzen zu bewahren.

 

Esther Grosjean

 

Hinweis: Informationen über die Wintersonnenwende und die Rauhnächte habe ich www.jahreskreis.info entnommen.

 

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